Invasive Schmerztherapie / Nervenblockaden

Seit Ende des 18. Jahrhunderts dienen Verfahren, bei denen örtliche Betäubungsmittel, so genannte Lokalanästhetika, an bzw. in die Nähe von Nerven gebracht werden, der Schmerzbehandlung und Schmerzausschaltung im Rahmen von Operationen. Die Nerven werden betäubt und können den Schmerzreiz nicht mehr weiterleiten; Schmerzreize werden also auf dem Weg zum Gehirn blockiert, weshalb meist von Nervenblockade gesprochen wird. Dies kennt fast jeder von der Betäubungsspritze beim Zahnarzt. Für Operationen haben diese über die Zeit weiter entwickelten Verfahren heute einen bedeutenden Stellenwert, seit Mitte des letzten Jahrhunderts auch für die Behandlung von chronischen und akuten Schmerzen. 

In der Frühzeit der Schmerztherapie kamen Nervenblockaden oft als Einzelverfahren zum Einsatz. In der modernen Schmerztherapie, in der verschiedene, aufeinander abgestimmte Anwendungen kombiniert werden (multimodale Therapie), kommen Nervenblockaden – auch Dank des verbesserten Angebots an langwirksamen Schmerzmitteln – eher als Spezialanwendung vor.

Merke

Unter invasiven Behandlungsmethoden (Latein: invadere „einfallen, eindringen“) werden Verfahren verstanden, bei denen Medikamente meist durch Spritzen in den Körper eingebracht werden. Neben Nervenblockaden zählen auch operative Techniken dazu. 

Wie erfolgt eine Nervenblockade?

Zunächst wir die Haut mit einer alkoholhaltigen Lösung von Hautkeimen befreit, damit es durch den Einstich nicht zu einer Infektion kommt. Ja nach Ort der Beschwerden werden durch die Injektion des Lokalanästhetikums ein einzelner Nerv, ein Nervenbündel, ein Nervenknoten oder ein rückenmarksnaher Nerv blockiert. Soll die Weiterleitung von Schmerzimpulsen zum Gehirn über Tage hinweg unterdrücken werden, so werden so genannte Katheterverfahren verwendet, aus denen über längere Zeit das Lokalanästhetikum abgegeben wird. Je näher an der Wirbelsäule die Nadelspitze gesetzt wird und je mehr Nervenfasern blockiert werden, umso stärker wächst das Risiko für Nebenwirkungen und Komplikationen. Daher werden bei solchen Nervenblockaden und Überwachungsgeräte wie ein Elektrokardiogramm (EKG) und Blutdruckmessgeräte angelegt.

Diagnostische Nervenblockaden

Nervenblockaden werden sowohl für diagnostische, als auch für therapeutische Zwecke eingesetzt. Blockaden einzelner Nerven werden überwiegend für diagnostische Zwecke durchgeführt. Auf diesem Weg wird versucht, der oder den Schmerz auslösenden Strukturen auf die Spur zu kommen. Dies gelingt erfahrungsgemäß bei akuten Schmerzen besser als bei länger bestehenden, die mit zunehmender Dauer zu Veränderungen auf der körperlichen, seelischen und sozialen Ebene führen. Diagnostische Blockaden werden in der Regel unter Zuhilfenahme von bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder Computertomographie durchgeführt, um sicher zu sein, dass das Lokalanästhetikum an die richtige Stelle gespritzt wird. Ein Beispiel für eine diagnostische Nervenblockade einer Nervenwurzel ist der durch einen Bandscheibenvorfall hervorgerufene Schmerz, der durch Druck der Bandscheibe auf eine Nervenwurzel hervorgerufen wird (sog. radikulärer Schmerz). 

Therapeutische Nervenblockaden

Therapeutische Blockaden haben neben einer kurzfristigen Schmerzreduktion die Aufgabe eines längerfristigen Effekts. Dies gelingt häufig durch wiederholte Nervenblockaden, so genannte Blockadeserien. Wenn im Rahmen einer solchen Blockadeserie die Schmerzen von Blockade zu Blockade schrittweise nachlassen, spricht man von Treppeneffekt.

Auch Nerven, die ursprünglich andere Funktionen, wie beispielsweise die Steuerung der Durchblutung haben, können Schmerzen aufrechterhalten. Dies sind die Nervenfasern des so genannten vegetativen Nervensystems (Sympathikus), die bei bestimmten Erkrankungen und Verletzungen mit Nervenbeteiligung die Ausheilung behindern und starke Schmerzen verursachen können. Über eine wiederholte Blockade dieser Nerven an bestimmten Nervenknoten können insbesondere in der Frühphase der Erkrankung die negativen Prozesse gestoppt, Schmerzen gemindert und die Heilungsprozesse gefördert werden. Die Nervenblockade unterbindet nicht nur direkt den Schmerz, sondern greift auch in den, die Krankheit aufrechterhaltenden Prozess ein. 

An bestimmten Nervenknoten des vegetativen Nervensystems kann statt eines Lokalanästhetikums eine alkoholhaltige Lösung gespritzt werden. Dieses als chemische Neurolyse bezeichnete Verfahren führt über eine Nervenzerstörung zu einer länger anhaltenden Blockade. Sinnvoll ist dies zum Beispiel bei Bauchschmerzen durch Bauchspeicheldrüsenkrebs. Diese Schmerzen können bereits in einer frühen Krankheitsphase durch eine Nervenzerstörung des Sonnengeflechts (Plexus coeliacus) anhaltend gemindert werden.

Therapeutische Nervenblockaden können auch bei Patienten mit Rückenschmerzen im Rahmen der begleitenden Schmerztherapie sinnvoll sein, wenn Schmerzen in einem größeren Bereich gelindert werden sollen. Schonhaltungen, Muskelverspannungen und schmerzbedingte Bewegungseinschränkungen lassen sich so mindern und die Patienten einer Bewegungstherapie zuführen. Dabei wird das Lokalanästhetikum in die Nähe des Rückenmarks (Epiduralraum) gespritzt. Soll die Nervenblockade mehrere Tage andauern, kann das Anästhetikum auch mittels eines dünnen Plastikschlauchs – des so genannten  Schmerzkatheters (Epiduralkatheters) – über einige Tage verabreicht werden, vorzugsweise während eines Aufenthaltes in der Klinik. 

Bei Patienten mit sehr starken Schmerzen, bei denen eine weitere Steigerung der eingenommenen Schmerzmittel u.a. wegen der starken, nicht behandelbaren Nebenwirkungen nicht sinnvoll ist, lassen sich die Beschwerden durch ein starkes Schmerzmittel (z. B. Morphin), das im  rückenmarksnahen Bereich von einer unter die Haut eingepflanzten Medikamentenpumpe („Schmerzpumpe“) über einen dünnen Plastikschlauch abgegeben wird, behandeln. 

Autoren: Thilo Wagner und Markus Klein