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    06.10.2011

    Chronischer Schmerz: Warum die „Schmerzkabel" weniger ermüden

    Förderpreis für Schmerzforschung an Mannheimer Forscher

    Der Nerven-Wachstums-Faktor NGF trägt dazu bei, dass Schmerzen verstärkt und länger wahrgenommen werden: Die Mannheimer Forscher Dr. med. Otilia Obreja und PD Dr. rer. nat. Roman Rukwied konnten zeigen, dass NGF ein Grund dafür ist, dass die Nervenfasern, die den Schmerzreiz ans Gehirn übermitteln, bei Patienten mit chronischen Schmerzen nicht wie bei Gesunden auf Dauer „ermüden". Für das längere Durchhaltevermögen der Fasern ist NGF verantwortlich. Für ihre Arbeit „NGF enhances electrically-induced pain, but not axon reflex sweating" (PAIN 2011, Vol.152, 1865-1863) wurden sie beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim mit dem mit 3.500 Euro dotierten zweiten Preis der Kategorie Grundlagenforschung des Förderpreises für Schmerzforschung 2011 ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich vergeben von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V., Stifterin ist die Grünenthal GmbH (Aachen).

    Dauernde Schmerzen und Überempfindlichkeit

    Dauerhafte Schmerzzustände und gesteigerte schmerzhafte Empfindungen sind typisch für Patienten mit Nervenschädigung (Neuropathie). Die genauen Ursachen und Mechanismen dieser neuropathischen Schmerzen sind noch weitgehend ungeklärt. Neue Hinweise darauf fanden die Mannheimer Forscher dank Untersuchungen an gesunden Menschen, Studien an Patienten und tierexperimenteller Forschung. „Nervenfasern haben die Funktion, die Informationen eines äußeren Reizes (z.B. Helligkeit von Licht, Intensität von Schmerz usw.) vom Reizort zu unserem Gehirn zu leiten, vergleichbar mit einem elektrischen Kabel, das ein Signal von A nach B überträgt. Die Nervenfasern, die zur Schmerzempfindung beitragen – sogenannte Nozizeptoren –, leiten besonders langsam und werden dazu bei wiederholter Aktivierung zunehmend langsamer als würden sie ermüden", erläutert Dr. Obreja. Diese „Ermüdung" der Nervenfasern ist bei Patienten mit chronischen Schmerzen weniger stark ausgeprägt, allerdings nur in einer speziellen Untergruppe von Fasern, die für mechanische Reize unempfindlich sind (sogenannte „stumme" Nozizeptoren).

    Körpereigenes Eiweiß hält die Leitungskabel wach

    Die Forscher konnten am Menschen zeigen, dass ein körpereigenes Eiweiß, der sogenannte Nerven-Wachstums-Faktor NGF, eine mechanische Überempfindlichkeit auslöst, einhergehend mit einer Übererregbarkeit der „Leitungskabel", die sie mit elektrischer Stimulation der Haut testeten. „Diese Übererregbarkeit war spezifisch für Nozizeptoren, da der gleiche elektrische Reiz die Funktion der ‚autonomen’ Nervenfasern, die unsere Schweißdrüsen aktivieren, nicht veränderte", erklärt Dr. Rukwied. Die direkte Wirkung von NGF auf einzelne Nervenfasern wurde am Hausschwein untersucht, dessen Nervenfasern dem Menschen am ähnlichsten sind. Tatsächlich reduzierte NGF das „Ermüden" lediglich bei den „stummen" Nozizeptoren. Wie beim Menschen waren auch beim Hausschwein die „autonomen" Nervenfasern von NGF nicht beeinflusst.

    Therapiestrategien eröffnen

    Dieses erfolgreiche Zusammenbringen der Ergebnisse von Grundlagenforschung am Menschen und am Tier erweitert das Konzept der Schmerzentstehung auf die „Kabel" der Nervenzellen und ergänzt die Untersuchungen zur Aufklärung der Mechanismen bei Schmerzchronifizierung. Der Erfolg von Anti-NGF Strategien (Tanezumab®) bei der Behandlung chronischer Schmerzpatienten belegt die klinische Relevanz der Untersuchungen der Mannheimer Forscher, die mit ihren Ergebnissen neue Perspektiven zur Therapie von chronischen Schmerzen eröffnen.

    Kontakt

    Dr. med. Otilia Obreja, PD Dr. rer. nat.

    Roman Rukwied, Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Mannheim, Tel. 0621 383-3170 oder -4157, Otilia.Obreja@medma.uni-heidelberg.de, Roman.Rukwied@medma.uni-heidelberg.de