Interdisziplinär-multimodale Schmerztherapie

Die Mehrzahl der Behandlungen bei chronischem Schmerz findet heute immer noch in den Praxen von Allgemein- und Fachärzten statt. Wenn die Behandlung der Schmerzen für beide Seiten erfolglos verläuft, beschränkt sich diese oft nur noch auf die Verordnung von Schmerzmittel oder anderen Medikamenten wie z.B. Antidepressiva. Häufig werden auch noch passive Maßnahmen der Physiotherapie eingesetzt, obwohl nachgewiesen ist, dass nur aktive physiotherapeutische Maßnahmen wirksam helfen.

Die rein medizinische Diagnostik, insbesondere die apparative, hat immer noch einen hohen Stellenwert, obwohl es gerade im Schmerzbereich starke Zweifel an der Zuverlässigkeit gibt, inwiefern die z.B. durch ein Röntgengerät gefundenen körperlichen Veränderungen eine ausschlaggebende Bedeutung bei der Verursachung und Aufrechterhaltung von Schmerzen haben. Der prominente Schmerzforscher und orthopädische Chirurg Waddell sah die Notwendigkeit für eine Operation, zum Beispiel bei chronischem Rückenschmerz, bei nur 1% der Fälle. Bei unklarer Befundlage sinkt die Erfolgsquote bei OPs auf unter 40%. In nicht unerheblich vielen Fällen kommt es nicht nur zu keiner Verbesserung, sondern sogar zur Verschlimmerung der Schmerzen.

Viele Studien an z.B. Rückenschmerzpatienten haben gezeigt, dass nach einem multimodalen Programm deutlich mehr Teilnehmer an den Arbeitsplatz zurückkehrten als nach einer herkömmlichen Behandlung.

Die ersten grundlegenden Untersuchungen zur Behandlung von anhaltenden Schmerzen basierten auf Erfahrungen mit US-Soldaten des 2. Weltkrieges. Der amerikanische Arzt John Bonica beschrieb im Jahr 1953 das Phänomen, dass Soldaten oft weniger Schmerzmittel bei großen Verletzungen einforderten als Patienten mit gleichartigen Verletzungen nach Unfällen in der Heimat. Die Erklärung: Die Soldaten waren nun nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr, also „erleichtert“. Der Hintergrund dieses Phänomens wurde durch die „Gate-Control-Theorie“ bekannter. Melzack (Psychologe/Kanada) und Wall (Biologe/England) konnten 1965 nachweisen, dass der Mensch über ein körpereigenes Schmerzhemmsystem verfügt.

Nun bekamen psychologische Faktoren bei der Schmerzerklärung eine ebenso wichtige Rolle zugesprochen wie körperliche. So kommt es beispielsweise bei sehr starker gefühlsmäßiger Erregung oder bei großen Verletzungen dazu, dass die betroffene Person diese Schmerzen zunächst nicht wahrnimmt oder Patienten nach gleichen Eingriffen sehr unterschiedliche Schmerzintensitäten angeben. Neben biologischen werden also auch gedankliche, gefühlsmäßige und soziale Einflüsse aktiv, die das Schmerzgeschehen schwächen oder verstärken. Man spricht deshalb vom „bio-psycho-sozialen Schmerz“, der also eine interdisziplinäre Sicht auf den Schmerz notwendig machte.

Neuer Behandlungsansatz: Linderung von Schmerzen, aber auch die Verbesserung der durch Schmerz eingeschränkten körperlichen, psychischen und sozialen Fähigkeiten.

Schmerzen und deren Chronifizierung als Folge bio-psycho-sozialer Faktoren zu sehen veränderte auch die bisherigen Behandlungsansätze. Nicht mehr nur die Linderung von Schmerzen steht im Vordergrund, sondern auch die Verbesserung der durch Schmerz eingeschränkten körperlichen, psychischen und sozialen Fähigkeiten.

Ziele einer „multimodalen“ Behandlung im körperlichen Bereich sind die Steigerung von Fitness, Belastungskapazität, Koordination und Körperwahrnehmung. Außerdem sollen die Patienten lernen, ihre persönlichen Belastungsgrenzen besser zu kontrollieren. Mit den psychotherapeutischen Verfahren will man die emotionale Beeinträchtigung verringern, das auf Ruhe und Schonung ausgerichtete Krankheitsverhalten sowie die Einstellungen und Befürchtungen in Bezug auf Aktivität und Arbeitsfähigkeit verändern. Besonders wichtig sind dabei die Aufklärung des Patienten und die Feststellung möglicher psychosozialer und beruflicher Belastungen (s. dazu auch ▶ Ziele einer multimodalen Schmerztherapie).

Konsequenterweise waren nun auch Behandlungsbausteine aus unterschiedlichen Fachrichtungen gefordert. So kommen, wenn möglich, bei einer „interdisziplinär-multimodalen“ Behandlung gleichzeitig auf Schmerz spezialisierte Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte, Physio- und Sporttherapeuten, Bewegungs- und Ergotherapeuten sowie Sozialarbeiter zum Einsatz.

Angeboten wird eine multimodale Schmerztherapie z.B. von Schmerzkliniken, Schmerztageskliniken und Schmerz-Rehakliniken.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft kommt allerdings zu der Feststellung, dass die interdisziplinär-multimodale Schmerztherapie in der Gesundheitsversorgung eher die Ausnahme darstellt. Es wurde kritisch angemerkt, dass zwar viele Behandlungsstätten mit einer „Interdisziplinär-multimodalen Schmerztherapie“ werben, aber festzustellen war, dass sich die Angebote in der geforderten Qualität erheblich unterschieden.

Ziele einer multimodalen Schmerztherapie

  • Alltagstätigkeiten wiederaufnehmen
  • Arbeitsfähigkeit wiederherstellen und Arbeitsaufnahme fördern
  • Körperliche Schwächen abbauen
  • Bewegungsangst verringern
  • Risikoverhalten verändern (z. B. Schonverhalten, Durchhalteverhalten)
  • Zu gesundheitssportlicher Aktivität im Alltag hinführen


Autor: Hans-Günter Nobis