Schmerzanamnese

In die aktuelle Schmerzdiagnostik sollten möglichst alle bedeutsamen vorangegangenen Befunde (insbesondere bildgebende Verfahren sowie objektive Messmethoden) ebenso wie Befundberichte der Vorbehandlungen einbezogen werden. Sie liefern den Therapeuten erste Hinweise auf die der Schmerzsymptomatik möglicherweise zugrundeliegenden Auslöse- und Aufrechterhaltungsfaktoren – z.B. Funktionsstörungen des muskuloskelettalen Systems (Muskeln, Bänder, Sehnen und Gelenke) oder krankhafte Veränderungen des Nervensystems (z.B. Polyneuropathie oder neurologische Veränderungen nach Hirninfarkt oder Stoffwechselstörungen, z.B. rheumatoide Prozesse, Zuckerkrankheit).

Patienten mit chronischen Schmerzen bringen nicht selten eine lange „Leidensgeschichte“ mit, wenn sie eine Arztpraxis oder Klinik betreten – geprägt von der Entwicklung des Schmerzproblems über einen Zeitraum von Wochen, Monaten oder Jahren und den ganz unterschiedlichen Erfahrungen mit Anwendungen oder Medikamenten, die geholfen haben oder nicht. Diese „Schmerzgeschichte“ sollte der Therapeut möglichst gut kennen, um bestmöglich helfen zu können. Dazu befragt er den Patienten nach der Entwicklung und Art der Schmerzen (Anamnese). Er erfasst im Gespräch wesentliche Bestandteile, die bei der Suche nach den Schmerzursachen und deren Behandlung entscheidend sind.

Im Rahmen der Schmerzanamnese geht es um die folgenden Fragen:

  • Wo, d.h., an welchen Körperstellen, treten die Schmerzen auf? Wo sind die am stärksten belastenden Schmerzregionen? Oft lässt hier eine sog. Schmerzzeichnung durch Schraffierung der betroffenen Schmerzgebiete auf einen Blick wichtige Merkmale der Schmerzen erkennen.

  • Wie häufig treten Schmerzen auf – andauernd, mehrfach täglich oder mehrfach pro Woche, andauernd mit zusätzlichen Anfällen, am Tag und/oder in der Nacht?

  • Welcher Art sind die Schmerzen – eher brennend, stechend, ziehend, bohrend oder reißend? Oder sind die Schmerzen treffender als quälend, elend oder furchtbar zu beschreiben?

  • Wie stark sind die Schmerzen? Hilfreich können hier sogenannte Schmerzskalen sein.

  • Wann haben die Schmerzen begonnen – gab es ein konkretes Auslöser-Ereignis wie eine Verletzung, einen Gips oder einen Unfall? Gab es andere Ereignisse und Bedingungen, die mit dem Schmerzbeginn in Zusammenhang stehen, wie beispielsweise Scheidung, Trennung, Todesfälle, Mobbing am Arbeitsplatz, Überforderungen, Kränkungen und Enttäuschungen, Kündigung und Arbeitslosigkeit?

  • Wie stark behindern die Schmerzen bestimmte Tätigkeiten und Aktivitäten in Alltag und Beruf? Unter welchen Bedingungen treten die Schmerzen verstärkt auf?

  • Welche Folgen haben die Schmerzen auf Stimmung, Lebensqualität und Erleben im Krankheitsverlauf gehabt?

  • Haben sich die Schmerzen im Verlauf der Erkrankung verändert?

  • Wie können die Schmerzen vermindert werden? Welche Behandlungen – beispielsweise welche Medikamente, Operationen, ambulante oder auch stationäre Therapien, heilpraktische oder physikalische Behandlungen – wurden durchgeführt und mit welchem Erfolg?

  • Welche eigenen Maßnahmen der Schmerzlinderung sind bekannt und werden auch alltäglich angewendet?

Da für die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen vielfältige Faktoren von Bedeutung sein können, sind die gesamten Lebensumstände im Zusammenhang mit der Vorgeschichte des Betroffenen für die Wahl der Schmerztherapie von Bedeutung. Sowohl körperliche als auch seelische Verletzungen der jüngeren oder älteren Vergangenheit (Mobbing am Arbeitsplatz, Kränkungen, Vernachlässigung), Verlusterfahrungen (Trennung, Todesfall) oder besondere Belastungen (Überforderungen, Pflege eines Angehörigen) und Erkrankungen können zum Schmerzgeschehen beitragen. Die möglichst offene Beantwortung auch vielleicht persönlicher Fragen ist daher hilfreich.

Im Einzelfall kann zur Einordnung der Beschwerden auch die Beantwortung spezieller Fragebögen sinnvoll sein, die helfen sollen, besondere Aspekte der Erkrankung zu verstehen. Dabei handelt es sich meist nur um eine Beschreibung der jeweils aktuellen Lebenssituation, bei der bei freier und spontaner Antwort nichts falsch gemacht werden kann. In den Deutschen Schmerzfragebogen integriert finden sich deshalb auch Fragen zur Stimmungsveränderung durch Schmerzen, insbesondere zu ängstlichen oder depressiven Verstimmungen.

Wolfgang Richter