Manfred findet die Sprache wieder

Wir hatten in der Schmerzgruppe unter psychologischer Leitung lebhafte Diskussionen zu dem Thema, wieviel seelisches Leid im Schmerz stecken könnte. Alle beteiligten sich daran, bis auf einen: Manfred, ein 46-jähriger leitender Angestellter, seit eineinhalb Jahren krankgeschrieben. Wir ließen ihn in Ruhe. Niemand muss müssen, ist unsere Devise. Ein aufmerksamer Zuhörer kann durchaus auch von der Gruppe profitieren.

Unsere Stunde begann mit der üblichen Einstiegsfrage „Was hat mich seit gestern beschäftigt“. Häufig entfaltete eine Diskussion oder ein Rollenspiel vom Vortag einen Nachklang und ließ uns das Gespräch wieder aufnehmen, manchmal hatte unser Kopf unaufgefordert am Thema weitergearbeitet und Ideen gesammelt.

Da sagte Manfred ohne Vorwarnung in die Stühle rückende Unruhe „Ich möchte etwas sagen! Ich wollte euch sagen, dass mein Schweigen nichts mit euch zu tun hat. Mein Sohn ist tot, er hatte einen Unfall mit seinem Moped, in einer Kurve gegen die Leitplanke, er war sofort tot. Meine Frau kommt besser damit zurecht, in unserem Dorf sind schon zwei Jungs durch Unfall umgekommen, auch im Nachbardorf. Ich weiß nicht, was ich tun soll, mein Sohn ist tot.“

Wir saßen mit angehaltenem Atem da. Einige Gruppenmitglieder hatten Tränen in den Augen, andere rangen mit der Fassung. Dieser Sturzbach von Unglück und Leid, herausgestoßen mit einer hastigen Stimme ohne Klang und ohne jede Gefühlsregung ließ uns „schockgefrieren“.

Übrigens

Wenn Menschen ihre Gefühle nicht mehr durch Worte oder Handlungen ausdrücken können, muss der Körper die Sprache übernehmen.
Dann sprachen wir mit Manfred darüber, was sein Bericht in uns ausgelöst hatte, und fragten ihn, ob wir weiter darüber sprechen sollten. „Wenn die anderen nichts dagegen haben?“, war seine Antwort. Die anderen nickten zustimmend, Manfreds Nachbar legte ihm wortlos die Hand auf die Schulter. Wir fragten Manfred, woran er festmachen würde, dass seine Frau mit dem Tod des Jungen besser zurechtkomme. Möglicherweise könne hierin ja auch ein Ansatz zur Bewältigung liegen.
Manfred berichtete uns, dass seine Frau schon im ersten Trauerjahr ihre Tätigkeiten im örtlichen Sportverein wiederaufgenommen habe. Sie sei Gymnastiklehrerin und leite dort eine Mädchengruppe. Gleichzeitig sei sie Schatzmeisterin. Dann sänge sie noch im Gospelchor und sei halbtags im Gemeindebüro tätig. Sie habe ihn immer wieder gebeten, wenigstens in den Verein mitzukommen, da er früher die Volleyballmannschaft trainiert habe. Manchmal habe er schon gewollt, aber wegen der Schmerzen, die immer schlimmer wurden, sei das unmöglich gewesen. Seine Frau ginge auch jede Woche zum Grab, während er seit der Beerdigung nicht mehr dort gewesen sei. Er mied die Begegnung mit seinem toten Kind.

Konnte es nicht sein, dass er beim Tod des Sohnes quasi vor Entsetzen erstarrt war? Sagt man nicht, dass jemand starr vor Schreck ist?

Normalerweise entspannt sich die Muskulatur nach der berühmten Schrecksekunde. Das war bei Manfred nur in Maßen möglich, er funktionierte nur noch irgendwie, trug sein Kreuz. Ohne Schaden zu nehmen, kann so eine Daueranspannung nicht lange aufrechterhalten werden. Der Körper beginnt zu schmerzen, und das zumeist an seiner schwächsten Stelle. Bei Manfred war dies der Rücken.
Aber unabhängig von den körperlichen Vorgängen übernahmen die Schmerzen noch andere Funktionen. Sie sprachen von seinem großen Kummer, hinderten ihn, ins Leben zurückzukehren, in ein Leben ohne sein Kind.

Wir atmeten tief durch. Durch seine Mitteilung an uns war Manfred der erste Befreiungsschritt gelungen. Er hatte seine Sprache wiedergefunden; die Gefühle würden sich in Worte kleiden lassen, und der Körper konnte Ruhe finden.

Carmen Franz (†)