Martin, der Millimetermann

Martin, der Millimetermann

Mir scheint, nichts ist so sehr mit Männlichkeit verbunden, wie der Kampf gegen den Schmerz. Schon früh lernen kleine Männer, dass ein Junge nicht weint. Martin war so ein Junge. Er hatte, seit er denken konnte, immer wieder Kopfschmerzen, oder besser gesagt, die Schmerzen hatten ihn. Der Versuch, seine Eltern von der Ernsthaftigkeit seiner Beschwerden zu überzeugen, war gescheitert. Wahrscheinlich brachten sie, bei einem ansonsten gesunden Jungen, die Kopfschmerzen eher mit Faulheit und ‚Schule schwänzen' in Verbindung. Lapidar hieß es immer „stell dich nicht so an, reiß dich zusammen, du bist doch kein Mädchen!" Das war offenbar das Schlimmste, was sich sein Vater vorstellen konnte, aber auch seine Mutter protestierte nicht. Beide vertraten nur das allgemeine Erziehungsprinzip, dass „jammern" zu ignorieren ist. Erst als Martin in der Ausbildung war und über eigenes Geld verfügte, kaufte er sich heimlich, mit sehr schlechtem Gewissen, Schmerzmittel, nahm sie aber nur, »wenn ich es gar nicht mehr ausgehalten hab" beteuerte er schnell.

Für Martin waren die Beschwerden nicht nur ein Problem seines Körpers. Er war zutiefst beschämt. Nicht nur in seinen Augen waren Kopfschmerzen eigentlich doch ein „Frauenleiden ". So quälte er sich durch die Jahre.

Aber nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch die Mittel dagegen waren in seinen Augen, streng genommen, doch nur etwas für Memmen ... etc.

„Lerne Leiden, ohne zu klagen” war das Credo seiner Eltern. Als Martin und ich uns kennenlernten, kannte er viele Apotheken in der Stadt und im Umland, er wechselt von einer zur anderen, damit niemand seinen sich steigernden Tablettenkonsum bemerkte. Aus Angst, nicht mehr mit voller Kraft arbeiten zu können, nahm er in den letzten Monaten Tabletten, wenn sich der Schmerz auch nur von ferne zeigte.

Aber seine Hoffnung, mit ihrer Hilfe der Schmerz loszuwerden, zerschlug sich mit jedem geleerten Tablettenröhrchen. Eigentlich wurde alles nur schlimmer. Er hatte manchmal das Gefühl, als befände sich sein Kopf in einem Schraubstock. Die Kopfschmerzhäufigkeit stieg langsam aber stetig, bis ein dumpfer Schmerz sein Leben täglich beherrschte. Seine Konzentrationsfähigkeit war dahin, er war gereizt, eigentlich ständig übermüdet, ohne Schlaf zu finden. Er bangte um seine Arbeitsfähigkeit. Aber „krank machen" für ihn unvorstellbar! Zu Hause wurde er immer schweigsamer. Seine Frau wusste von seinen Beschwerden und weil sie ihn sehr liebte, meldete sie in der Schmerzambulanz an. Und weil er sie nicht verlieren wollte, ging er auch hin.

Nach einer gründlichen Untersuchung vermuteten wir, dass Martin unter einem chronischen Spannungskopfschmerz gelitten hatte. „Hatte" insofern, als erst nach einem Entzug genaueres zu sagen war.

Bei Martin bestand aber jetzt noch ein anderes Problem. Seine geschilderten Beschwerden waren wahrscheinlich auf einen „medikamenteninduzierten" Kopfschmerz zurückzuführen. 

Zunächst einmal mussten wir deshalb Näheres über seinen Schmerzverhalten erfahren. Er bekam von uns ein „Kopfschmerztagebuch", in dem er alles notieren sollte, was mit seinem Schmerz in Zusammenhang stand: also wann aufgetreten, in welcher Situation, Häufigkeit, Dauer, Intensität, Tabletten, wie viel, welche, Ärger, Erregung, Freude. 

Ein Leben unter Schmerz erscheint häufig nur noch gleichmäßig grau. Ein Schmerztagebuch zwingt dazu, ganz genau hinzusehen, der Schmerz wird punktuell eingefangen und  schwarz auf weiß festgenagelt. Martin konnte ihn praktisch von außen betrachten. Es konnte zum Beispiel sein, dass er nur das Gefühl hatte, „immer“  Schmerzen zu haben, bei genauerem hinsehen könnte sich aber vielleicht herausstellen, dass es in diesem „immer“, doch Pausen gab. Wenn der Schmerz aber Pausen einlegte, und seien sie noch so kurz, konnte Martin vielleicht lernen, in dieser Zeit selber Luft zu holen und die Pausen auszudehnen. 

Martin wollte zunächst einmal überhaupt nicht glauben, was er hörte. Man sah ihm sein Entsetzen förmlich an: sahen wir in ihm einen Junkie, der dringend einen Entzug brauchte!?

Er hielt sich mühsam zurück, nur seine gute Erziehung, so vermutete ich, ließ ihn nicht aufspringen und das Zimmer verlassen.

Fassungslos fragte er noch mal nach. Entzug? Medikamenteninduziert?

Wir übersetzten das Wortungetüm. Es bedeutet, dass seine Medikamente, die er gegen die Kopfschmerzen konsumiert hatte, selbst wieder Auslöser für Kopfschmerzen waren. Was beim Apotheker den Umsatz hob, steigerte bei Martin den Schmerz.

Er hatte, ohne es zu ahnen, den Teufel mit dem Belzebub austreiben wollen.

Wir konnten seine Empörung, seine Abwehr aber auch seine Beschämung verstehen. Wenn wir ihm helfen wollten, mussten wir ihn aber mit der Realität konfrontieren. 

Er musste sich uns gegenüber nicht rechtfertigen: Wir wussten auch, dass er die Tabletten nicht zum Spaß geschluckt hatte. Fast die Hälfte aller Menschen mit Kopfschmerzen sind von Medikamenten abhängig, insofern war Martin nur einer von vielen. Natürlich hatte ihn niemand auf die Gefahren aufmerksam gemacht, er hatte allerdings auch niemanden gefragt. Sein Widerwille, Hilfe zu suchen, hatte auch dazu beigetragen, dass Tabletten sein Leben kontrollierten.

Nun es gibt, wie wir wissen immer verschiedene Möglichkeiten. Martin konnte auf unser Urteil vertrauen, unseren Therapiefahrplan akzeptieren und einen Entzug machen. Er konnte sich natürlich auch von uns verabschieden und weiter so tun als wäre nix. 

Zu unserem Vorgehen gehörte auch ein schmerzpsychologisches Interview. Hiermit versuchen wir abzuklären, inwieweit psychologische Faktoren, aber auch das Umfeld, das Schmerzgeschehen mitbestimmen. 

Ich sage bewusst „versucht", denn es kommt ja wesentlich darauf an, ob und wieweit jemand bereit ist, etwas von sich zu erzählen. Obgleich zur Bemessung von „Psychischem" keine Maßeinheit zur Verfügung steht, gibt es Faktoren, die mit Sicherheit Einfluss auf das Schmerzgeschehen haben. Psychologen deuten keineswegs vor sich hin und machen aus der Mücke einen Elefanten.

Nach einer Bedenkzeit willigte Martin in unseren Behandlungsplan ein. Sicher hatte seine kluge Frau ihm bei dieser Entscheidung geholfen. Ihrer Unterstützung war er sich sicher und wir legten auch großen Wert auf einen familiären Helfer. In einer schwierigen Situation jemanden zu haben, der einen ermuntert bei der Stange zu bleiben, ist durch nichts zu ersetzen. 

Sofern die Entzugserscheinungen es zuließen, wollte ich mit meinem Interview beginnen. Wie es weitergehen sollte, würden wir danach entscheiden.

Ich hatte den Eindruck, dass Martin sich weniger vor langen Nadeln und Skalpellen gefürchtet hätte, als vor den Gesprächen mit mir. Über sich selbst zu reden, etwas vom Gemüte preiszugeben, ist für einige Männer schlimmer als die Begegnung mit dem Teufel. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass, vor allen anderen Faktoren, eine unzureichende Stressverarbeitung an „Spannungskopfschmerzen" beteiligt ist.

Nun ist Stress nicht gleich Stress. Es gibt eine positive und eine negative Variante: so machen Hochzeitsvorbereitungen zwar Stress, aber, außer im richtigen Moment „Nein" zu sagen, kann man eigentlich nichts falsch machen. Die Spannung löst sich auf und gut ist es. Leistungsdruck macht auch Stress, weiß ich keinen Weg, damit umzugehen, die Luft raus zu lassen, gibt es kein gutes Ende: Wie ein Kater macht der Stress einen dicken Kopf.

Unter der Voraussetzung, dass sich meine Stressvermutung auch bei Martin als richtig erweisen sollte, musste er ganz allgemein einen Weg finden, sich in belastenden Situationen nicht noch mehr aufzuschaukeln.

Das sagt sich so einfach dahin, aber lassen Sie mal locker, wenn Sie locker lassen sollen! Spannungsgeladene Menschen können schlecht entspannen, in Ruhe läuft ihr Körper nach wie ein alter Motor. 

Ich wollte versuchen, Martin durch ein Entspannungstraining zu unterstützen. Er war als Ingenieur sicher eher für eine Entspannungstechnik zu erwärmen, an der er herumwerkeln konnte. Ich entschied mich für die progressive Muskelentspannung.

 

Martin hatte sich auf das vorsorglich angebotene Entspannungsexperiment eingelassen und da sein Entzug gut lief, konnten wir auch schon während des Klinikaufenthalts damit beginnen.

Bald war klar, dass er ein Verspannungskünstler war. Er bemerkte zum Beispiel nicht, dass er nicht nur die Faust ballte, sondern gleichzeitig Arm und Schulter mit anspannte, während er die Augen zukniff und die Luft anhielt. Hinzu kam, dass er es offensichtlich mir und sich recht machen wollte, wie ein braver Junge. Wir mussten sehr lachen, als ich ihm seine Anstrengungen mimisch vormachte.

Schnell bekamen wir so einen Einstieg in seine bevorzugte Art mit vielen Situationen im Leben umzugehen. Wir sprachen über Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz, ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, sein Bemühen, es anderen recht zu machen. Seine penibel-perfekte Art brachte ihm bei seinen Kollegen den Spitznamen „Millimeter Mann" ein.

Nachdem wir vertrauter geworden waren, platzte er beim Gespräch über seine ausbleibenden Erfolge bei den Entspannungsübungen plötzlich heraus:

" Ich kann mich nicht entspannen, weil ich nicht weiß, was ich dann tue"!

„Was vermuten Sie denn? Ich bekam keine Antwort.

(Vermutlich würde sich eine geballte Ladung Wut Luft verschaffen wollen, dachte ich.)

Wann hatte er warum etwas aufgestaut? Zum besseren Verständnis wollte ich etwas über Vergangenheit und Gegenwart, über seine Familie erfahren. Der familiäre Umgang mit Schmerz prägt, wie wir von Martin lernen konnten, unser Verhalten als Erwachsener. Aus der persönlichen Lerngeschichte lassen sich aber auch andere Verhaltenweisen ableiten. 

Martin war 55 Jahre alt, seit 36 Jahre verheiratet. Sie kannten sich seit der Schule und als sie 18 Jahre alt wurde heirateten sie. Beide waren in der Ausbildung und konnten sich eine eigene Wohnung nicht leisten. Sie wohnten die ersten 9 Jahre ihrer Ehe bei seinen Eltern. Nicht selten war Kampfesstimmung, wenn er abends nach hause kam, musste er schlichten. Er hasste Streit „ich geh auch heute jedem aus dem Weg".

Sein Vater stritt nicht, er befahl, seine Mutter hatte sich in den inneren Rückzug gerettet, war auch für ihn nicht erreichbar. Sie konnte ihn so auch nicht gegen den häufig brutalen Mann in Schutz nehmen. Zuweilen hatte Martin  Mordphantasien. Er schluckte seine Wut hinunter, passte sich an, weil er glaubte, Mutter schützen zu müssen.

Wir fanden heraus, dass er schon damals mit dem Kopf reagierte. Er verbot sich Gefühle, sondern dachte sich seinen Teil und vom Denken bekam er Kopfschmerzen. Wie ich fand, keine gute Kombination. 

In seiner Ehe fanden sich beide in ihrem Harmoniebedürfnis. Es wurde deutlich, dass sie sehr aufeinander bezogen waren, eine Jugendliebe, die offenbar auch das Altern aushielt. Sie hatten keine Kinder. „Neun Jahre Eltern hat uns gereicht, wir wollten auch mal alleine sein. Dann kam für uns beide auch noch der Beruf dazwischen."

In letzter Zeit hatte es zwischen beiden vermehrt gefunkt. „Ordnung ist das halbe Leben" war für Martin nicht irgendein Spruch aus frühen Tagen, er hatte ihn so verinnerlicht, dass er beim Gang durch die Wohnung im Vorbeigehen mit dem Finger imaginären Staub von den Möbeln wischte, ohne es zu bemerken. Seine Frau sah diese Gesten, es gab  Auseinandersetzungen. Sie konnte nicht glauben, dass darin kein Vorwurf lag.

In einem Gespräch zu dritt, bestätigte sie, dass sein „Ordnungsfimmel" sie aus der Fassung brachte. Als sie kürzlich in die Küche kam, habe er auf einem Stuhl gestanden und sei über die Oberkante des Küchenschranks gefahren. Dabei hätte sie erst Tage zuvor gründlich sauber gemacht. Am liebsten hätte sie dem Stuhl einen Schubs gegeben. Er habe aber bei ihrer Schimpfkanonade so bekümmert drein gesehen, dass sie seinen Unschuldsbeteuerungen geglaubt hätte.

Für seinen Arbeitgeber war seine Leistungsbereitschaft gepaart mit Zuverlässigkeit sicher ein Segen. Er war Leiter einer großen Betriebswerkstatt, die vom auswechseln der Glühbirnen bis hin zur Notfallreparatur von kostbaren Maschinen verantwortlich war. Sein täglicher Kontrollgang durch den Betrieb war so regelmäßig wie eine Präzisionsuhr und für alle beruhigend. „Der Millimeter Mann" sah alles.

Sein Hang zu Perfektion sei schon in der Teenagerzeit ausgeprägt gewesen, „lieber einmal zu viel als zu wenig überprüfen, dann konnte ich relativ sicher sein, keinen Ärger mit dem Vater zu bekommen".

Leider ist eine Verhaltensweise nicht einfach nur gut oder schlecht. Auf Sauberkeit im Betrieb zu achten ist eine Sache, der Ehefrau hinterher zu wischen eine andere. Es muss notwendigerweise zu Konflikten kommen, wenn das Verhalten nicht mehr den Situationen angepasst werden kann.

Ich hatte das Gefühl, dass Martin Konflikte zwar sehen konnte, aber keine Möglichkeit fand, eine für sich zufriedenstellende Lösung zu finden.

Das war offenbar nicht nur zuhause so. Schon vor unserem ersten Kontakt war in seinem Betrieb eine nicht mehr zu ignorierende Konfliktlawine auf ihn zu gerollt. Im Gespräch über seine Arbeit berichtete er, dass die Geschäftsleitung gewechselt hatte. Mit ihr kamen neue Ideen. Eine davon war, einen Teil der Aufgaben der Werkstatt zu verlagern. Martin vermutete, dass für den verbleibenden Rest an Arbeitsaufkommen ein relativ hoch bezahlter Mitarbeiter wie er, eine ökonomische Fehlinvestition sein könnte. Noch gab es nur indirekte Zeichen, es war häufiger vorgekommen, dass die Arbeit der Werkstatt kritisiert wurde und damit stand er in der Schusslinie. „Ich soll wohl ausgemustert werden”, ich hörte das Grollen, obwohl er die Worte durch die Lippen presste. Ich hatte irgendwie das Gefühl, es würde gleich knallen. Stillhalten konnte er nicht mehr, er musste in die Offensive. Aber wusste — wollte er das auch? „Was wollen Sie tun?"

„Man ist auf seine Richtung gepolt, ich möchte auf niemanden böse sein, ihn hassen".

Wie bitte? So eine Gefühlsverbindung ließ mich staunen. 

Riten und Regeln hielten Martin fest im Griff. Das war der springende Punkt. 

Im Berufsleben war er offenbar ein Meister der Improvisation. Flexibel konnte er auf ungewöhnliche Anforderungen einer Situation reagieren. Bei Gefühlsreaktionen folgte er einer eigenen DIN — Norm. Sie konnte zum Beispiel nicht unterscheiden zwischen dem doch relativ harmlosen „auf jemanden böse-sein' und seiner furiosen Steigerung „jemanden hassen". In Konfliktsituationen verharrte er durch diese Undifferenziertheit. wie das Kaninchen vor der Schlange und überließ so die Entscheidungen dem jeweiligen Konfliktpartner.

Da er selber nicht klipp und klar eine Entscheidung herbeiführen konnte, machte ihn in der augenblicklichen Situation die „in-der-Schwebe-halten-Taktik" der Geschäftsleitung im wahrsten Sinne des Wortes krank, die Rate der Kopfschmerzenattacken stieg.

Gottseidank gelang es Martin nach seiner Entlassung aus der Klinik auch weiterhin den Versuchungen aus den Tablettenröhrchen zu widerstehen. Der Dauerschmerz verschwand. Leider war damit sein Kopfschmerzproblem nicht wirklich gelöst. Er würde auch weiter in Stresssituationen stereotyp mit Anspannung der Nackenmuskulatur reagieren. Sein eingeschränktes Verhaltensrepertoire hinderte ihn, angemessen zu reagieren. Er war ein notorischer Denker, „ja aber" war seine Lieblingswortkombination.

Unabhängig von der notwendigen ärztlichen Betreuung nach dem Entzug, konnte ich Martin für ein Stressbewältigungstraining gewinnen.

Auf Martin bezogen konnte das unter anderem heißen: Analyse der Arbeitsplatzsituation - sich in den Mittelpunkt stellen - alte Verhaltensmuster hinterfragen (Entscheidungen selber treffen), -  Streitvermeidungsstrategie aufgeben - Gefühle differenzieren und klar äußern und sicher Vieles mehr.

Martin hatte nicht nur Glück, dass der Medikamentenkonsum keine weiteren Schäden angerichtet hatte, er konnte auch lobsingen, weil es Schmerzspezialisten gab.

 

Autorin: Carmen Franz